Nicht mein Tag

08. September 2014


Tja, da sitze ich nun wieder.

In ein Handtuch gewickelt, damit mich die Leute von draußen nicht in meinem Eva-Kostüm begaffen können, weil die Balkontür auf und die 7. Zigarette an diesem Morgen bereits geraucht ist.

Meine Tante sagte mir neulich mit dem Blick in meine Hand: "Tu mir einen Gefallen und fang an zu schreiben."
Meine verschrobene Tante, wie sie manch einer empfindet. Ich gebe zu, sie kann anstrengend sein mit ihrer besserwisserischen, dickschädligen Art, aber ich sehe mehr in ihr.
Ich sehe, dass sie eine spirituelle Persönlichkeit ist, auf die man sich einlassen muss – kann man doch so viel von ihr lernen und sich verstanden fühlen mit seiner eigenen, komischen Sichtweise.
Sie sieht und spürt Dinge, die viele andere Menschen nicht sehen und spüren. Selbiges sagt sie über mich. Also tu ich ihr diesen Gefallen und fange an zu schreiben.

Ich sitze nun also hier und fühle mich… ja, wie fühle ich mich?
Ich habe, wenn ich auf die Uhr schiele, Stunden damit verbracht, mir Videos von Hunderettungsaktionen anzuschauen und das ein oder andere Tränchen zu verdrücken.
Meine Tante sagt, weinen sei ein Ventil. Ich gebe ihr Recht, aber ich möchte dieses Ventil nicht öffnen. Ich spiele das Wasserball-Prinzip gekonnt nach.
Das Wasserball-Prinzip, so erzählte mir einst ein kluger Mann, sei eine Metapher für das Unterdrücken von Emotionen.
Emotion kommt auf – ich drücke sie weg; spreche nicht drüber und lenke mich ab.
Emotion kommt wieder – ich drücke noch stärker; willens, sie nicht zuzulassen und spüre, wie sich doch eine lästige Träne durch den Kanal gequetscht hat. Blödes Ding!
Nach etlichen, halbwegs erfolgreichen Versuchen, den Emotionswasserball hinunterzudrücken, ist nicht mehr viel Platz nach unten und er schießt hoch.
Tada – da haben wir den Salat und man sitzt in sein Handtuch gewickelt, ärgert sich über sich selbst und beginnt zu grübeln.

Ich habe mich mal wieder selbst übernommen, ohne es zu spüren oder dem Bedeutung beizumessen.
Man könnte meinen: Mädel, du lernst einfach nicht draus.
So habe ich in meiner Verzweiflung über meine eigene Sinnlosigkeit und Armut meinen alten Job, in den ich nie wieder zurückkehren wollte, wieder angetreten.
Ich sah das Geld und die damit verwobene Unabhängigkeit, also zog ich meine logische Konsequenz daraus und bat darum, statt der Teilzeitstelle eine Vollzeitstelle zu bekommen.
Ist doch egal, ob ich keine Zeit mehr für irgendwas oder irgendwen habe und auch egal, ob ich nachts nicht mehr ruhig schlafen kann, weil ich über die Arbeitsgeschehnisse und die korrekte Durchführung der Methoden nachdenke, damit ich ja keinen Fehler mache. Andere bekommen das doch auch hin, warum sollte ich das also nicht unbeschadet bestehen?
In meiner Freizeit über die Arbeitsmethoden meines Jobs zu recherchieren, damit ich bestens im Bilde bin, ist auch nicht sonderbar – je mehr ich weiß, desto geringer ist die Chance, dass etwas schief läuft.
Perfektionismus ist ein wahrlich zweischneidiges, mistiges Schwert.
Es beflügelt und motiviert dich, die Dinge, die du angehst, sehr gut zu durchdenken, Strategien zu entwickeln und den dir höchstmöglichen Standard abzuliefern.
Es zwingt dich aber auch dazu, mehr tun zu wollen, als dir möglich ist und es lässt dir keine Ruhe, bis es so ist, wie du es dir vorgestellt hast. Andere Menschen können nicht wissen, wann du etwas für gut befindest, weil Sprache oft nicht ausreicht und so machst du es einfach selbst. Bestimmst über alles und jeden und vergisst das Vertrauen in das Können anderer, damit dieses hungrige Monster "Perfektionismus" endlich die Klappe hält.
Ständig brüllt sie in meinem Kopf: "Das ist nicht genug! Das geht so nicht! Mehr Details, mehr Details!"

"Du nervst. Halt die Klappe!"

"Aber…lies dir doch nochmal deinen Text durch. Der ist ziemlich… komisch geschrieben, findest du nicht?"

"Was meinst du mit komisch?"

"Naja, komisch halt. Versteht doch keine Sau, was du damit sagen willst. Totale Gedankensprünge, kein wirkliches Ziel erkennbar – wer soll das ernst nehmen?"

"Hm, ja… hast ja recht, aber manchmal ist das so. Ich denke über etwas nach und komme von einem zum ande………"

"Ach, hör doch auf, dir das schön zu reden! Das ist Mist! Mach das gefälligst nochmal!"

"Meine Fresse… du bist ´ne immerwährend nörgelnde, nie zufriedene, verbitterte, bucklige alte Brotspinne!"

"Ich bin du. Das weißt du doch (kicher, kicher)."

27.8.15 20:47

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(29.8.15 20:22)
Großartig!!!!

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